Institut für lebendige Sprache

"Der Textmelodie auf der Spur" (WAZ, 12/05)

martin daske
Seminaraufnahme aus Hattingen/Ruhr. Foto: privat.

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Im Kaminzimmer der Volkshochschule steht eine Frau und liest aus einem Buch vor. Gleichzeitig versucht sie mit dem Rücken, den Mann wegzuschieben, wegen dem sie eigentlich in die VHS gekommen war.

Die Dame mit dem Buch heißt Cordula Lueg und will vorlesen lernen.
Das trifft auch auf die anderen acht Frauen und den einen Herrn zu.
Die Zielgruppen sind ganz unterschiedlich, von Kindergartenkindern bis zu den Senioren im Altenheim ist alles dabei.

Der Mann, der seinen Schülern auch schon mal in den Rücken fällt, [den Rücken stärkt!, Anm. Rudloff] heißt Rainer Rudloff. Der 35jährige Lübecker ist Begründer des "Vivid-Voices"-Instituts für lebendige Sprache und im Vorlesen absoluter Profi.

"Der ist aber auch begnadet", staunt Karin Rehberg zwischendurch neidisch.
Als sie später aus "Die Nachtigall und die Rose" von Oscar Wilde vorliest, bekommt sie das Lob zurück - nicht nur, weil Rudloff ein Gentleman ist, sondern, weil sie die Figurenwechsel und die Textmelodie sehr gut getroffen hat und die Stimmung der Geschichte feinfühlig transportierte.

"Sie müssen beim Vorlesen Ihre ganze Persönlichkeit voll zur Entfaltung bringen", fordert Rudloff.

Dass er das ernst meint, lebt er auch in dem Kaminzimmer vor: Er rezitiert aus voller Brust Beschwörungsformeln aus dem "Zauberlehrling", unterbricht mit einem erotischen Säuseln die prickelnde Kurzgeschichte, gibt dem Text durch zwei variierte Betonungen ein ganz neues Leben.

Sylvia Seelert gesteht, bevor sie ihre eigene Erotic-Crime-Kurzgeschichte vorträgt: "Ich bin schon mindestens fünf Zentimeter geschrumpft!"
Sie hat es allerdings auch schwer.
"Das war der schwerste Text, der in meinen Seminaren seit langer Zeit gelesen wurde", sagt Rudloff.
Seiner Einschätzung nach sind intensive, ernst gemeinte Liebesszenen und erotische Passagen die größte Herausforderung beim Vorlesen überhaupt.
"Die sind ja nicht für ein großes Publikum gemacht, sondern eigentlich sehr intim angelegt", sagt er.

Deswegen lacht die Gruppe auch herzhaft, als er Seelert auffordert: "Machen Sie das mal verführerisch."
Verscherzt hat er es sich dadurch aber nicht.

Im Gegenteil: Am Ende erkundigen sich die Teilnehmer nach einem - gar nicht geplanten - Fortsetzungskurs, weil sie so begeistert waren. "Ich könnte noch den ganzen Tag weiter machen", schwärmte Andrea Ahmann.
Dieser Rudloff, der sollte vielleicht mal eine Tournee durch die Schulklassen machen.

Dirk Nordhoff, Westdeutsche Allgemeine Zeitung,
7. Dezember 2005