Institut für lebendige Sprache
Markus Collalti schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom 30.04.2001:

Wohlfühlklänge
Wer hat vom Geräusch genascht? „Die Klangschlürfer“ (WDR)

"Wenn der Feldbach hinter dem Haus wie ein altersschwacher Rasenmäher klingt, wenn beim Öffnen einer Sprudelflasche statt eines frischen, prickelnden Zischens nur ein staubiges Knistern zu hören ist – dann ist Böses im Gange. Dokt.Ohr, von der kleinen, aufgeweckten Luzie eiligst herbeigerufener Klangspezialist, erkennt die Gefahr sofort: „Es könnte sich um einen vernichtenden Agnriff auf die gesamte Klangwelt handeln.“ In der Tat, die Klänge sind krank. Über ihr Notebook erhält Luzie Hilferufe aus aller Welt, und sie darf dem Dokt.Ohr – eine Mischung aus „Karlsson vom Dach“ und Peter Lustig aus der Sendung „Löwenzahn“ – bei seinen Hilfsaktionen assistieren. Doch wie kann man so schnell von einem Winkel der Erde in den anderen reisen, um Menschen zu helfen, denen die schönsten Klänge abhanden gekommen sind, wie etwa dem sibirischen Monteur, der abends seinen Kopf ins weiche Kissen drückt und statt vom behaglichen Seufzen der Daunen von Straßenbahnlärm begrüßt wird? Kein Problem für Dokt.Ohr. Was Luzie für einen umgedrehten Hocker hält, ist keineswegs ein
schnödes Möbelstück, [...] sondern eine von Dokt.Ohrs skurrilen Erfindungen: ein Überschallmobil. Als enervierendes Moment erweist sich allerdings der „Stuhlbein-Check“, der sich vor jedem Start wiederholt – denn das sind in dem Kinderhörspiel „Die Klangschlürfer“ eine ganze Menge. [...] Doch was zählt das schon, wenn man andererseits die brillante Idee in die Waagschale werfen kann, die akustische Welt zu einem veritablen Hörabenteuer zu gestalten, in dem so banale Gegenstände wie Sprudelflaschen, Kopfkissen oder Hocker eine neue Dimension erhalten. Daraus resultiert einer der seltenen Glücksfälle, daß ein Hörspiel im Sinne des Wortes entsteht, radiophone Kunst, die mit Klängen keine Querverweise auf die visuelle Realität bildet, sondern allein aus dem eignen Kosmos schöpft. Abseits breitgetretener pädagogischer Pfade geraten Kinder, die am frühen Maimorgen das Radio einschalten, in eine Schule des Hörens. Und genauso unbemerkt und unbeschwert erhalten sie ihre erste Lektion in akustischer Ökologie. Denn natürlich lösen Dokt.Ohr und Luzie – ansteckend gut gelaunt
von Jockel Tschiersch und Dorothea Sell gesprochen, das Rätsel der veränderten Klänge. Sie sind ermattet, ausgedünnt, denn unbekannte Klangschlürfer sind ihnen auf der Spur. Das weckt den James Bond im Doktor, denn immerhin gilt es die Welt, zumindest die hörbare, zu retten. [...] Der Feldbach hinterm Haus, das Zischen der Sprudelflasche in der Wüstenglut, das Rascheln des Kopfkissens – auch Geräusche, so ist zu erfahren, fördern das Wohlbefinden. Das ist die eigentliche Überraschung, die das Hörspiel bereithält, wenngleich Dokt.Ohr Egidia belehrt, daß Geräusche allein nicht glücklich machen. Er hat ihr eindrucksvoll vorgeführt, daß es beides tatsächlich gibt: Lärmverschmutzung und Wohlfühlklänge. Die Schule des Hörens hat damit freilich erst begonnen, denn wenn die Saat von Daske und Rudloff aufgeht, werden die jungen Radiohörer den ersten Mai damit verbringen, Wasserhähne aufzudrehen, auf Sofas zu hüpfen, Kieselsteine zu werfen, und – prüfen, ob die Dinge auch wirklich so klingen, wie sie sollten."
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